Weingenuss zwischen Seen und Reben
Im Lausitzer Seenland wird die alte Weintradition neu entdeckt
Wenn sich die Reben im Spätsommer und Herbst langsam verfärben und die Weinlese näher rückt, zeigt sich das Lausitzer Seenland von einer überraschenden Seite: als Weinregion. Zwischen Seen, sanften Hängen und rekultivierten Landschaften wachsen heute wieder Reben, die an eine lange Tradition anknüpfen und gleichzeitig für den Wandel der Region stehen. Ob bei einer Weinbergführung, einer Verkostung oder einer Radtour – die Lausitzer Weinberge laden während der gesamten Saison dazu ein, das Lausitzer Seenland von seiner genussvollen Seite zu entdecken.
Eine alte Tradition kehrt zurück
Mehr als 200 Jahre prägte der Braunkohlebergbau das Lausitzer Seenland. Als die Bagger aus dem Tagebau verschwanden, erinnerte man sich an die jahrhundertealte Weinbautradition in der Region. Was im 13. Jahrhundert in der Niederlausitz mit den ersten Weinbergen begann, im 16. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte und im 20. Jahrhundert zum Erliegen kam, wird seit der Jahrtausendwende wiederbelebt.
Vielerorts gibt es noch den gewachsenen Boden, auf dem Landwirte und Winzer alte und neue Sorten anbauen, die prächtig im sonnenverwöhnten Klima an Seen oder leichten Hängen gedeihen. Aber auch auf einem aufgeschütteten Weinberg auf ehemaliger Tagebaufläche gelang das Experiment und es wachsen junge Reben. Heute entsteht so Schritt für Schritt eine Weinlandschaft, die Tradition, Innovation und Regionalität auf besondere Weise miteinander verbindet.
Die Bedingungen für den Weinbau sind im Lausitzer Seenland besser, als viele vermuten. Die zahlreichen Seen wirken als Wärmespeicher und sorgen für ein ausgeglichenes Mikroklima. Sonnige Hanglagen und nährstoffreiche Böden bieten gute Voraussetzungen für verschiedene Rebsorten. So entstehen charaktervolle Weine, die ihre Herkunft widerspiegeln und die Vielfalt der Region erlebbar machen.
Wer mehr darüber erfahren möchte, kann die Weinberge bei Führungen und Verkostungen kennenlernen. Viele Angebote finden während der gesamten Saison statt und ermöglichen spannende Einblicke in die Arbeit der Winzer.
Drei Weinberge, drei Geschichten
Weingut Wobar: Weingenuss am Großräschener See
Am steilsten Weinberg Brandenburgs, hoch über dem Großräschener See, erfüllt sich die Familie Wobar seit mehr als einem Jahrzehnt ihre Leidenschaft für den Weinbau. Auf der ehemaligen Böschungskante des Tagebaus Meuro pflanzten Andreas und Cornelia Wobar in den Jahren 2012 und 2013 rund 5.000 Rebstöcke. Die Begeisterung für den Weinbau entstand jedoch schon viel früher: Beide halfen regelmäßig bei der Weinlese in der Anbauregion Saale-Unstrut und lernten auf Reisen durch Deutschland zahlreiche Rebschulen und Weinbaubetriebe kennen, bevor sie ihr eigenes Projekt im Lausitzer Seenland verwirklichten.
Die Lage ihres Weinbergs könnte kaum besser sein. Der Großräschener See speichert die Wärme und sorgt für ein ausgeglichenes Mikroklima. Der nach Süden ausgerichtete Hang mit einer Neigung von 30 bis 33 Prozent bietet optimale Sonneneinstrahlung, während der Geschiebemergelboden den Weinen ihren charakteristischen Geschmack verleiht. Angebaut werden ausschließlich pilzwiderstandsfähige Rebsorten wie Solaris, Johanniter, Cabernet blanc und Pinotin. Dadurch kann der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln deutlich reduziert werden, was einen nachhaltigen Weinbau unterstützt. Mittlerweile tragen die Weine und der Winzersekt von Weinbau Wobar das EU-Qualitätssiegel „g. g. A. Großräschener See“ und stehen damit für die hohe Qualität des jungen Weinbaus im Lausitzer Seenland.
Wer den Weinberg näher kennenlernen möchte, kann nach vorheriger Anmeldung individuelle Weinbergführungen mit Verkostungen direkt bei der Winzerfamilie buchen. Dabei erfahren Gäste Wissenswertes über den Anbau, die Besonderheiten der Lage und die Entwicklung des Weinbergs. Die Weine können anschließend in der Touristinformation Großräschen direkt am See erworben werden und sind ein genussvolles Erinnerungsstück an einen Ausflug ins Lausitzer Seenland.
Weingut Wolkenberg: Vom Tagebau zum erfolgreichen Weinberg
Der Weinberg Wolkenberg ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für den Wandel der Lausitz. Bis Anfang der 1990er Jahre stand an der Stelle des heutigen Weinbergs noch das Dorf Wolkenberg, das dem Braunkohletagebau Welzow weichen musste. Nach dem Ende der Förderung entstand auf der rekultivierten Fläche eine außergewöhnliche Idee: Gemeinsam mit der Hochschule Geisenheim und der BTU Cottbus schüttete der damalige Energiekonzern Vattenfall einen rund 30 Meter hohen Weinberg auf. Bereits 2005 wurde auf einer kleinen Versuchsfläche mit 99 Reben getestet, welche Sorten auf dem neu geschaffenen Boden besonders gut gedeihen. Das Experiment war erfolgreich und entwickelte sich zu einem Vorzeigeprojekt des Strukturwandels.
Heute wachsen auf rund sechs Hektar sieben verschiedene Rebsorten. Dazu zählen die Weißweinsorten Weißburgunder, Kernling und die seltene Sorte Roter Riesling sowie die Rotweinsorten Cabernet Dorsa und Rondo. Ein besonderes Souvenir für Gäste ist die Sonderedition „Lausitzer Seenland Wein“, die den Charakter der Region ins Glas bringt und den erfolgreichen Wandel vom Bergbau- zum Weinland symbolisiert.
Von Mai bis Oktober öffnet der Wolkenberg jeden Sonntag von 11 bis 17 Uhr seine Tore für Besucher. In der Besenwirtschaft können Gäste bei individuellen Weinproben die regionalen Weine kennenlernen und dabei den Blick über die Landschaft schweifen lassen. Das ganze Jahr über können Weinproben nach Terminvereinbarung stattfinden und lassen sich auf Wunsch mit einer Weinbergführung kombinieren.
Seit 2024 werden die Wolkenberger Weine im eigenen Weinkeller in Welzow verarbeitet. Die Vinothek, rund elf Kilometer vom Weinberg entfernt, bietet die Möglichkeit, die Weine zu verkosten und direkt zu erwerben. Aktuell öffnet sie jeden Freitag von 17 bis 22 Uhr. Darüber hinaus können Führungen durch die Kelterei und individuelle Weinverkostungen ganzjährig gebucht werden.
Wer die Arbeit der Winzer hautnah erleben möchte, kann im August und September sogar bei der Weinlese mithelfen. Die Termine werden auf der Webseite des Weinbergs bekannt gegeben, eine Anmeldung ist erwünscht.
Tourentipp: Das Besucherzentrum „excursio“ in Welzow bietet im September die Erlebnistour "Kohle, Wein und neues Land" in den aktiven Tagebau Welzow-Süd, zum Weinberg und in die rekultivierten Flächen an. Anschließend werden im historischen Ambiente des Gutes Geisendorfs Wolkenberger Weine verkostet. Gruppen können diese Tour auch individuell buchen.
Weingut Guben-Grano: Weintradition neu belebt
Der Weinberg Grano bei Guben knüpft an eine der ältesten Weinbautraditionen Brandenburgs an. Bereits seit dem 13. Jahrhundert wurde im Gubener Land Wein angebaut, zeitweise galt Guben sogar als „Stadt der 1000 Weinberge“. Auf dem historischen Weinberg „Lange Rücken“ in Grano wachsen heute auf etwas mehr als einem Hektar über 4.500 Rebstöcke, die mit viel Leidenschaft und handwerklichem Können gepflegt werden.
Seit 2024 führt Gernoth Apitz mit dem neu gegründeten Weingut Guben-Grano diese Tradition in eine neue Ära. Gemeinsam mit dem erfahrenen Winzer und Kellermeister Mario Hornauer entstehen hier charakterstarke Weine, die von den besonderen Bedingungen der Region geprägt sind. Mit den meisten Sonnenstunden und den höchsten Temperaturen Brandenburgs sowie den mineralreichen Böden bietet die Region hervorragende Voraussetzungen für den Weinbau. Angebaut werden sieben Weißwein- und vier Rotweinsorten, darunter Solaris, Riesling und Acolon. Alle Weine tragen die geschützte Herkunftsbezeichnung „Brandenburger Landwein“.
Die Trauben werden direkt vor Ort in der modernen Kelterei der Weinscheune Grano sorgen schonende Verfahren und eine präzise Temperatursteuerung dafür, dass die fruchtigen Aromen und die typische Frische der Weine erhalten bleiben. So entstehen authentische Weine, die die Besonderheiten des Lausitzer Terroirs widerspiegeln.
Besucher können den Weinberg bei Führungen und Verkostungen kennenlernen und dabei spannende Einblicke in die Arbeit im Weinberg und im Keller erhalten. Darüber hinaus ist die Weinscheune Grano ein beliebter Treffpunkt für Genießer. Regelmäßige Veranstaltungen wie „Wild & Wein“, Weinproben und Kellereiführungen verbinden regionale Kulinarik mit den Weinen des Hauses. Wer die Weine mit nach Hause nehmen möchte, kann diese freitags von 9 bis 16 Uhr direkt in der Weinscheune erwerben.
Tourentipps für Genießer
Abendliche Genießertour „Weinland Lausitz“
Die abendliche Genießertour „Weinland Lausitz“ von iba-aktiv-tours verbindet die eindrucksvolle Landschaft des Lausitzer Seenlands mit regionalem Weingenuss. Während der Busfahrt werden an verschiedenen malerischen Orten und Weinbergen der Region fünf ausgewählte Lausitzer Weine verkostet. Spannende Geschichten zum Weinbau, faszinierende Ausblicke auf die Seenlandschaft und stimmungsvolle Stopps machen die Tour zu einem besonderen Erlebnis für alle, die die Lausitz genussvoll entdecken möchten.
Mit dem Rad zur Rebe: Die Genusshandwerker-Tour
Wer Genuss und Bewegung verbinden möchte, ist auf der Route der Genusshandwerker genau richtig. Die 43 Kilometer lange Radtour führt von Altdöbern zu regionalen Produzenten und Handwerkern und macht unter anderem Station am Weinberg am Großräschener See. Unterwegs lassen sich regionale Spezialitäten, beeindruckende Landschaften und die junge Weintradition der Lausitz entdecken.
Die Weinberge im Lausitzer Seenland erzählen Geschichten von Tradition, Innovation und erfolgreichem Wandel. Ob bei einer Führung im Frühling, einer Verkostung im Sommer, während der Weinlese im Spätsommer oder bei Weinfesten im Herbst – die regionale Weinlandschaft bietet zu jeder Jahreszeit genussvolle Erlebnisse. Wer das Lausitzer Seenland einmal von einer anderen Seite kennenlernen möchte, sollte sich einen Besuch in den Weinbergen nicht entgehen lassen.
